Wenn man Haie und das Meer nicht gut kennt, wird man wohl vom “Kiefer des Todes“ sprechen. Wenn man sich jedoch mit dem biologischen Gleichgewicht in dem sehr komplizierten Ökosystem der Meere beschäftigt hat, wird man feststellen, dass es in Wahrheit “Kiefer des Lebens“ sind.

Haie gibt es seit über 400 Millionen Jahren. Sie existierten bereits 180 Millionen Jahre vor den Dinosauriern. Die Haie von heute haben sich in den letzten 60 Millionen Jahren kaum verändert. Als Topräuber erhalten sie das biologische Gleichgewicht der Meere, indem sie andere Raubfische in Schach halten. Ohne Haie würde das gesamte Ökosystem der Meere zusammenbrechen.

Wir müssen die Haie besser kennen lernen, um sie zu verstehen. Wir schützen leider nur, was wir auch verstehen.

Die Korallenriffe beherbergen ca. ein Drittel aller Meerestiere; ohne Riffhaie stirbt ein Korallenriff nach etwa einem Jahr ab. Haie verrichten somit eine wichtige Aufgabe im Meer. Es mag schwer verständlich sein, dass die Anzahl der für uns wichtigen Fischarten ohne Haie zahlenmässig abnehmen wird. Wir sehen heute bereits die Folgen des wahllosen und willkürlichen Tötens von Haien weltweit. Wissenschaftler haben festgestellt, dass Rochen und Octopus, das Lieblingsfutter einiger Haiarten, sich in Teilen des Pazifik und in der Karibik so sehr vermehrt haben, dass sie nun die Hummerbestände gefährden.

In North Carolina, USA, haben Kuhnasen-Rochen die gesamten Bestände von Jakobsmuscheln bereits ausgerottet, weil nicht mehr genügend Haie vorhanden sind, um diese Rochen zahlenmässig kurz zu halten. Die Menschen, die von der Muschelzucht lebten haben ihre Jobs und ihren Lebensunterhalt verloren. Korallenriffe reagieren sehr empfindlich auf den Verlust von Haien. Eine grüne Alge, die mit den Korallen um das Sonnenlicht konkurriert, und die deshalb für die Korallen tödlich ist, wird von vielen kleinen Fischen gefressen und somit kurz gehalten. Wenn sich aber andere Raubfische ungestört vermehren können, die diese kleinen Fische fressen, dann breitet sich die grüne Alge die sich auf das Riff legt weiter aus und erstickt die Korallen. Innerhalb eines Jahres ist das Riff tot. Das verhindern die Riffhaie, die als Beschützer der Korallenriffe fungieren. Haie sind der beste Indikator für die Gesundheit eines Korallenriffs.

Wenn wir Menschen weiterhin den „Kontrollfaktor Hai“ wahllos zerstören, werden wir in absehbarer Zukunft eine der grössten ökologischen Naturkatastrophen aller Zeiten erleben. Haie haben bereits fünf Perioden des Aussterbens überlebt, doch dieses Mal kann es aufgrund moderner Technik und Geldgier der Menschen, endgültig mit ihnen zu Ende gehen. Auch unser Klima wird vom Meer kontrolliert. Wenn wir das biologische Gleichgewicht in den Meeren verlieren, kann das also auch unser Klima gewaltig beeinflussen.

Trotz dieser wichtigen Rolle ist kein Tier auf der Welt so gehasst und gefürchtet wie der Hai. Die Medien stellen ihn noch immer als den gehirnlosen Killer und Menschenfresser dar. Sie lieben es, Geschichten von blutigen Hai-Attacken zu erzählen. Genau diese Angst macht es so schwer, die Haie zu schützen. Die Fischer hassen Haie, weil sie ihnen manchmal den Fang wegfressen, aber sie sollten wissen, dass es bald nichts mehr zu fangen gibt, wenn die Haie ausgerottet sind. Haie halten andere Raubfische kurz und unterstützen somit indirekt den vernünftigen und kontrollierten Fischbestand. So wie wir es heute machen, ist die Situation der Meere nicht länger haltbar. Überfischen der Ozeane ist an der Tagesordnung und der Raubbau nimmt kein Ende. Wir müssen die Länder, die vom Fremdenverkehr leben, überzeugen, dass lebende Haie sehr viel wertvoller für sie sind als tote. In den Bahamas sowie Honduras und Palau hat man festgestellt, dass ein Hai im Laufe seines Lebens fast 1,8 Millionen Dollar Einnahmen für die einheimische Bevölkerung bedeuten kann. Touristen wollen Haie sehen und Taucher wollen mit Haien schwimmen. Mit lebenden Haien ist also sehr viel mehr Geld zu verdienen als mit toten.

Seien wir doch ehrlich, Haie sind mehr gefährdet durch uns Menschen als wir Menschen durch Haie. “Das Problem ist nicht der menschen-fressende Hai, sondern der haie-essende Mensch” sagt die Meeresbiologin und Ozeanographin Dr. Sylvia Earle.

0 comments

Leave a reply